Schreibpraxis


Schreibpraxis

Wissenschaftliche Theorien der Kreativität

Der englische Sozialpsychologe Graham Wallas veröffentlichte 1926 eine Theorie des kreativen Denkens, in der er die Ergebnisse seiner Untersuchung der Funktionen und ersten Messungen der Kreativität vorstellte. Er nannte vier Phasen, die in jedem kreativen Denkprozess und  im problemorientierten Denken aktiviert werden. Während des mentalen Prozesses (1) wird die Aufgabe aus allen Richtungen untersucht. Auch die entgegengesetzten oder divergierenden Richtungen gehören zum kreativen Prozess. (2) Die Kombinationen von Ideen zur Verwirklichung der Aufgabe werden verinnerlicht und unbewusst vorbereitet. (3) Wir gelangen zu einem Lösungskonzept, das in der (4) letzten Phase des kreativen Prozesses realisiert wird. So einfach das klingt, gestaltet es sich nicht immer in der Realität. Aber es ist schon wichtig zu sehen, dass schon im 1. Schritt, die Grundlagen des Prozesses gelegt werden und auch divergierende, ferne und eventuell unpassende Elemente eine wichtige Rolle spielen. Joy Paul Guilford, ein amerikanischer Psychologe, der während des Zweiten Weltkriegs mit der Verbesserung von Intelligenztests beauftragt wurde, entwickelte in deren Folge einen Test zur Messung der Kreativität und legte so den Grundstein für deren Erforschung. Eines der wichtigsten Kriterien zur Identifizierung von Kreativität ist Guilfords "divergentes Denken". Dieses wird als alogisches und extravagantes, sensibles, vitales Fließen von Gedanken und Bildern beschrieben, im dem das Ziel noch sehr unklar umrissen wird, gleichzeitig sind viele verschiedene Lösungen und Wege möglich. Das "konvergente Denken", das zielgerichtet und logisch auf eine einzige Lösung ausgerichtet ist bleibt erhalten, wird jedoch im divergenten Denken erweitert. 

Drei weitere Wissenschaftler haben maßgeblich zur Entwicklung der Kreativitätsforschung beigetragen: Alex Osborn mit dem Konzept des Brainstormings (divergierendes Denken als Gruppenmodell), Sidney Parnes mit der Entwicklung der CPS-Methode (Creative Problem Solving) sowie Edward De Bono, mit dem Konzept des "lateralen Denkens“. Ihr Ziel war, die Vermittlung von Denkfähigkeiten, die nur im divergierendem Denken und im kreativen Prozess erfahren werden können.  Sie erforschten die Kreativität und machten sie öffentlich, zum Beispiel in Schulen, nutzbar. 

Creative writing oder Kreatives Schreiben wurde als Lehrmethode für literarisches Schreiben an angelsächsischen und amerikanischen Universitäten geboren, wo es sich in den 1970er Jahren etablierte. Innerhalb dieses Konzepts werden verschiedene Methoden entwickelt, die Schreibübungen nicht nur  literarisches Schreiben fördern, sondern auch die individuelle Kreativität in verschiedenen Arbeits- und Studiumbereichen  erweitern. Kreatives Schreiben stimuliert das Wachstum der eigenen Vorstellungskraft, Sensibilität und Authentizität. 

Lutz von Werder, emeritierter Professor an der Alice Salomon Hochschule in Berlin, spricht von drei Phasen, die beim kreativen Schreiben aktiviert werden: 1. Erinnerung, 2. Wiederholung, 3. Arbeit. In der ersten Phase beginnen wir laut Werder damit, eine entspannte Konzentration bei der Formulierung unbewusster Assoziationen zu fördern. In der zweiten Phase darf sich die Sprache des Unbewussten bilden und in eine reflektierte Form eintreten. Im dritten Fall ermöglicht das Schreiben Lösungen auf symbolischer Ebene und stärkt die persönliche Autonomie, die Fähigkeit, "Ich" zu sagen, auch „Du" und die Umwelt für sich greifbar zu machen.